Autofahren
Tina befürchtet, dass ich mir bei den (wenigen) Gelegenheiten, bei denen wir einen Mietwagen haben, zu viel vom lokalen Fahrstil abschauen könnte. Und tatsächlich gibt es hier ein paar ungewohnte Regeln beim Autofahren:
Die Höchstgeschwindigkeit richtet sich weniger nach Schildern als nach Fahrbahnbeschaffenheit und Bauchgefühl. Durchgezogene Linien sind eher unverbindliche Empfehlungen und halten niemanden vom Überholen ab. Zebrastreifen bedeuten, dass Fußgänger besser warten, bis die Autos vorbeigezogen sind. Blinken ist optional und kann so ziemlich alles heißen. Anhalten ist grundsätzlich überall erlaubt – auf allen Straßen und auf beiden Seiten.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die zahlreichen Bodenschwellen. Sie reichen vom sanften Hügelchen bis zum Modell „Achsbruch und Reifentod“. Nicht alle sind markiert und manche verstecken sich auch im Schlagschatten großer Bäume. Obwohl jeder über sie schimpft, sind diese Schwellen die einzige wirklich wirksame Methode, den Verkehr zu verlangsamen. Das Gefährlichste an einem Urlaub hier ist daher nicht das Wandern im Urwald, das Schnorcheln mit Haien oder das Besteigen eines aktiven Vulkans – sondern das Überqueren der Straße.
Die hohe Zahl an Unfällen hat sogar den Präsidenten von Nicaragua veranlasst, ein Dekret zu erlassen, nach dem landesweit maximal 50 km/h gefahren werden darf. Das wird auch streng befolgt. Nach unseren Beobachtungen gibt es allerdings einige Ausnahmen: Busse, Kleinlaster zur Personenbeförderung und andere Personentransportfahrzeuge dürfen offenbar schneller fahren. Ausgenommen sind wohl auch LKWs mit verderblichen Waren, sowie LKWs mit nicht verderblichen Waren, die dauerhaft schneller als 50 km/h fahren können. Ebenso wenig gilt die Beschränkung für Dienst-PKWs, dienstlich aussehende PKWs, PKWs mit eiligen Fahrern sowie für Fahrzeuge, die einfach jemandem folgen, auf den eine dieser Kategorien zutrifft. Motorradfahrer wiederum wählen ihre Geschwindigkeit ohnehin frei – irgendwo zwischen „Schleichgang“ und „alles, was die Kiste hergibt“. Falls man dann doch einmal bei einer Kontrolle zur Kasse gebeten wird, hat das immerhin einen positiven Nebeneffekt: Man finanziert der Straßenpolizei und deren Angehörigen ein schönes Wochenende.

Obwohl sich die Straßenverhältnisse in Zentralamerika in den letzten Jahren deutlich verbessert haben, sind manche Orte noch immer nur mit Allradantrieb erreichbar. Und selbst das Durchqueren eines Landes von der Größe Niedersachsens (wie etwa Costa Rica) kann problemlos einen ganzen Tag dauern. Dafür sieht und erlebt man hier beim Autofahren auch deutlich mehr als an einem ganzen Tag in Niedersachsen.

Reisen bildet, macht Spaß und hat vor allem viele humorvolle Seiten. Der digitalprintexpert ist auf Reisen und schreibt in lockerer Folge über Erlebnisse, Gesehenes und Gehörtes. Ein komplettes Verzeichnis aller bisher veröffentlichten Berichte findet sich hier.
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