Stille ist in Lateinamerika kein Wert an sich. Es gibt sie – natürlich. Man begegnet ihr hin und wieder. Aber es scheint kein besonderes Bedürfnis zu geben, sie festzuhalten, zu pflegen oder gar wiederherzustellen, wenn sie einmal verschwunden ist.
Im Spanischen gibt es nicht einmal ein Wort für „laut“ – am nächsten kommt „ruidoso“, was jedoch eher „lärmig“ bedeutet. Für ein neutrales „laut“ existiert kein eigener Begriff. Auch für „leiser“ gibt es kein einzelnes Wort – man muss es umschreiben. Kurz gesagt: Auf allen Ebenen fehlt ein Gespür dafür, wann etwas „laut“ oder „zu laut“ ist. Das kann Musik betreffen, ein Telefonat, ein Handyspiel, Motoren, Bauarbeiten, Lüftungen, Gespräche – alles, was sich in der Nachbarschaft, im Bus oder auf der Straße abspielt.