Haussitting
Für Langzeitreisende ist Haussitting eine wunderbare Sache. Wir passen auf Haus und Haustiere der Besitzer auf, während diese für eine gewisse Zeit unterwegs sind. Wir zahlen keine Miete, können uns vom Reisen erholen, die Gedanken sortieren und auch mal wieder Gerichte kochen, die wir lange vermisst haben (besonders vegetarische).
Über spezielle Plattformen werden gegen eine kleine Gebühr Menschen zusammengebracht, die Haussitter suchen, und solche, die ein Haussit übernehmen möchten. Wir bewerben uns mit Anschreiben und Referenzen, während die Hausbesitzer Bilder und eine Beschreibung ihres Zuhauses einstellen. Besonders eingewanderte Nordamerikaner und Europäer suchen Haussitter – entsprechend sind Haus und Lage oft von besonderer Güte.
Leben wie …?
Manchmal fühlt sich Haussitting wie eine legale Version von Identitätsdiebstahl an. Für eine begrenzte Zeit schlüpft man in das Leben der Hausbesitzer. Mit den Schlüsseln bekommen wir nicht nur Zugang zum Haus, sondern zum gesamten Inventar. Man benutzt Küche, Fernseher, Tisch und Stuhl, manchmal sogar das Bett der eigentlichen Besitzer. Man füttert die Tiere, gießt die Pflanzen und sitzt abends auf der Terrasse, ganz so wie die Eigentümer. Einerseits etwas seltsam, andererseits ein faszinierender Einblick in das Leben und die Kultur anderer Menschen.
Nebenbei ist so ein Haussit ein hervorragender Alzheimer-Test. Am Anfang wird kurz erklärt, wo was zu finden ist – und den Rest der Zeit versucht man sich zu erinnern, wo man das Verlängerungskabel oder die Küchenreibe schon einmal gesehen hat. Erschwert wird die Suche dadurch, dass die meisten Hausbesitzer „Dinge“ im Überfluss besitzen. Schränke, Zimmer und Bodegas (der spanische Begriff für Werkzeugraum oder Bastelkeller) sind randvoll mit gehorteten Gegenständen. Vieles wird doppelt und dreifach angeschafft, weil es schwer zu bekommen ist oder im unbarmherzigen Klima (Regenzeit, Seeluft) schnell den Geist aufgibt. Manchmal hilft eine Trockenkammer, ein fensterloser Raum mit dauerhaft laufendem Luftentfeuchter.

Bis zum Kühlschrank
Der Kühlschrank ist ein besonders neuralgischer Punkt. In einem US-Haushalt hat er gern eine Größe, in der man auch einen Babyelefanten unterbringen könnte. Trotzdem ist er meist bis auf den letzten Zentimeter gefüllt, sodass wir erst einmal Platz schaffen müssen, um eigene Lebensmittel unterzubringen. In gewisser Weise ist dieser Hang zum Hamstern verständlich, wenn man die wechselhaften Warenbestände in lateinamerikanischen Supermärkten kennt. Außerdem ist der Kühlschrank ein effektiver Schutz gegen Ameisen und die können hier ein wirklich grooooßes Problem sein.
Allerdings ergibt Hamstern nur dann Sinn, wenn man die Lebensmittel auch irgendwann verwendet. Würzpasten, Dressings und Soßen finden sich oft in beeindruckender Vielfalt, mit unterschiedlichsten Füllständen und Haltbarkeitsdaten, sofern letzteres nicht längst verblasst und unlesbar geworden sind. Unsere Kochpläne in den ersten Tagen werden daher häufig von den eher schlappen Inhalten des Gemüsefachs bestimmt, die man nur ungern wegwirft. Auch bei anderen angebrochenen Verpackungen stellt sich manchmal die Frage, ob der Inhalt eher eine Delikatesse oder der Auslöser einer handfesten Magenverstimmung ist.
Besonders einschüchternd sind unbeschriftete Tupperdosen mit undefinierbarem Inhalt. Sie könnten Bratensoße, Hühnerklein, Ratatouille oder die Reste eines Restaurantbesuchs enthalten. Unsere bewährte Strategie: nach hinten schieben und hoffen, dass sich der Inhalt während unserer drei Wochen Haussitting nicht allzu grünlich verfärbt.
Es gibt allerdings auch Lebensmittel, die Hausbesitzer besser nicht im Kühlschrank zurücklassen sollten, zum Beispiel importierte Schokolade. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man der ständigen visuellen Versuchung irgendwann erliegt, besonders in Ländern, in denen eine gräulich angelaufene Tafel sonst problemlos vier Euro kostet und geschmacklich eher Mittelmaß ist.
Tierische Freunde
Zum Haussitting gehören fast immer Haustiere. Ein Bekannter meinte einmal: Der ideale Sit ist eine Katze. Das hat durchaus etwas für sich, zweimal täglich füttern, ein wenig streicheln, und der Rest des Tages gehört einem selbst.
Aber Hunde sind ebenfalls wunderbar. Es ist teils schamlos, wie sie sich an einen ranwerfen, gekrault und ausgeführt werden wollen und treu zu einem aufblicken, auch wenn man nur für ein paar Wochen ihr Mensch auf Zeit ist. Und kaum ist man weg, vermisst man sie. (Und sie einen hoffentlich auch.) Bisher hatten wir großes Glück mit unseren felligen Schützlingen. Vielleicht auch, weil viele von ihnen zugelaufene, oder aufgenommene Straßenhunde waren und besonders dankbar für Pflege und Zuneigung sind.

Außer Katzen und Hunde hatten wir auch Fische, Hühner, Kolibris (Futterspender auffüllen) und (in Teilzeit) ein Pferd zu betreuen. Aber das war die Ausnahme und eher unkompliziert .
Gelegentlich müssen auch Pflanzen gegossen werden, wobei das oft entweder der Gärtner übernimmt oder das tropische Klima gleich mitliefert. Gärtner und Putzhilfe sind in Lateinamerika fast Standard. Es ist auch ein allgemein erwarteter Obolus mit dem reiche, ausländische Hausbesitzer der lokalen Bevölkerung Lohn und Anstellung geben. Häufig hinterlassen die Hausbesitzer einen gut gefüllten Umschlag mit Geld, mit dem wir die Angestellten am Ende des Tages bezahlen.
Malheure
Natürlich geht auch mal etwas schief. Der freilaufende Hahn, der nach wenigen Tagen von streunenden Nachbarshunden gekillt wurde, war schon ein größeres Malheur. Glücklicherweise waren die Besitzer von seinem morgendlichen Krähen ohnehin genervt, sodass der Verlust überschaubar blieb. Außerdem haben wir ein kleines Küken großgezogen, das sich als würdiger Ersatz entpuppte (Die Story ist hier).
Kratzer auf Töpfen oder zerbrochenes Geschirr kommen ebenfalls vor – selten, aber nicht ganz vermeidbar. Wir geben uns Mühe, achtsam zu sein, und bisher ist nichts Ernstes passiert.
Man sollte allerdings mit allem rechnen. Etwa mit einem Stromausfall in der Küche nach einer besonders heftigen Regennacht. Einiges ließ sich mit Verlängerungskabeln überbrücken, aber die kleinen Stromschläge beim Berühren des Kühlschranks deuteten auf ein ernsthafteres Erdungsproblem hin. Auf abgelegenen Inseln sind Elektriker rar und der einzige verfügbare ist hauptsächlich mit der Wartung der lokalen Hummerfangflotte beschäftigt. Am Ende gelang es uns, einen eingeflogenen Elektriker zu uns umzuleiten , auch wenn das komplizierte Konversation auf Spanisch und eine Unterbringung im Gästezimmer des Hauses bedeutete.
Eigentlich gab es bei jedem Sit irgendeine Kleinigkeit zu reparieren oder zu organisieren. Daher unser Rat: vorher klären, wo Werkzeug und Verlängerungskabel zu finden sind.
Profitips
Nach zehn Haussits fühlen wir uns inzwischen fast wie Profis. Nicht ganz wie die echten Profis, die kein eigenes Zuhause mehr haben und von Sit zu Sit reisen, aber immerhin. Beim Haussitting lohnt es sich auch endlich mal ein älteres, deutsches Paar zu sein: Unsere Bewerbungsquote ist erstaunlich gut. An attraktiven Häusern in schönen Lagen mangelt es jedenfalls nicht, und wir werden sicher weiterhin als Haussitter unterwegs sein.
Unsere Empfehlung an alle Leser lautet trotzdem: Baut euch kein Haus in fernen Ländern. Wir verstehen den alten Reflex etwas Eigenes besitzen zu wollen. Aber alles kostet hier mehr, dauert länger und ist komplizierter als erwartet und versprochen. Lokale Gegebenheiten sollte man nicht unterschätzen, etwa die Gefahr, dass ein leerstehendes Haus geplündert oder sogar besetzt wird (was hier legal sein kann). Auch das Klima hat es in sich: Eine Lokalität die an einem Tag lauschig und einladend ist kann ein halbes Jahr Wind mit Orkanstärke, Dauerregen, Insekteninvasionen oder überschwemmtes, unpassierbares Umland mit sich bringen (alles nicht selten).
Falls das alles den geneigten Leser nicht abschreckt, dann lautet unser Rat: baut was Tolles und bucht uns dann als Haussitter.
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Reisen bildet, macht Spaß und hat vor allem viele humorvolle Seiten. Der digitalprintexpert ist auf Reisen und schreibt in lockerer Folge über Erlebnisse, Gesehenes und Gehörtes. Ein komplettes Verzeichnis aller bisher veröffentlichten Berichte findet sich hier.
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