Inselleben
Hier mal ein längerer Text: über Guanaja, die Insel auf der wir insgesamt 3 Monate verbracht haben.
Vor der Karibikküste von Honduras liegen die sogenannten Bay Islands. Es gibt drei davon:
- Utila – bekannt als Backpackerinsel
- Roatán – bekannt als US-Touristen- und Kreuzfahrtinsel, mit größerem Flughafen und Direktverbindungen in die USA
- Guanaja – bekannt als Insel der Sandfliegen

Natürlich sind wir auf Guanaja gelandet – als Haussitter für ein US-amerikanisches Paar, das ein paar kühlere Monate in der alten Heimat verbringen wollte. Der Vorteil an Guanaja ist, dass es aufgrund der fehlenden touristischen Infrastruktur fast keine Touristen gibt – die Sandfliegen tun ein Übriges. Dafür leben hier einige Expats, die sich ihren Traum vom Haus (oder der Villa) am Meer erfüllt haben. Ansonsten geht alles seinen traditionellen, gemächlichen Gang, etwas, das man auf karibischen Inseln sonst kaum noch findet.
Guanaja ist etwa 18 Kilometer lang, fünf Kilometer breit und bis zu 400 Meter hoch. Die Insel ist hügelig und überwiegend mit Nadelbäumen bewachsen. Deshalb taufte Kolumbus sie auf seiner vierten Reise „Isla de las Piñas“. Die Hauptinsel ist von einem Ring aus Korallenriffen und kleinen Inselchen umgeben, die malerisch, meist mit ein paar Palmen bewachsen, knapp aus dem Wasser ragen.

Das größte Städtchen liegt auf einer dieser vorgelagerten Inseln und heißt schlicht The Cay (offiziell Bonacca). Dieses Inselchen ist vollständig mit Hütten und kleinen Häusern bebaut; praktisch alle wichtigen Einrichtungen befinden sich dort. Der Legende nach verbrachten die Bewohner der Hauptinsel ihre freien Tage stets auf dem Cay und zelteten dort, da es keine Sandfliegen gibt. Irgendwann zogen dann die meisten ganz dorthin um. Da sich mehrere Kanäle durch das Cay ziehen, wird es im Reiseführer gern mit Venedig verglichen – meiner Meinung nach besteht die einzige Gemeinsamkeit jedoch im festen Wunsch, niemals in einen dieser Kanäle zu fallen. Auf dem Cay kommt auch die Fähre aus Roatán an. Für fast alle weiteren Ziele auf Guanaja benötigt man ebenfalls ein Boot, da es nur eine einzige, kurze Straße zwischen Savannah Bight und Mangrove Bight gibt. Diese ist allerdings der Traum aller Inseljungs: den knappen Kilometer mit Moped oder Quad knatternd zurückzulegen.
Die Kommunikation auf Guanaja ist eine interessante Mischung. Nachdem die Spanier die ursprüngliche Bevölkerung vertrieben hatten, wurde die Insel von englischen Piraten, entflohenen Sklaven und später freigelassenen Sklaven neu besiedelt. Die Inseln wurden zeitweise auch von England mitregiert, obwohl sie offiziell zu Honduras gehören. Entsprechend ist die traditionelle Sprache ein kreolisches Englisch, auch wenn die Bewohner zusätzlich gut Englisch und Spanisch sprechen. Sie bevorzugen es allerdings, auf Englisch angesprochen zu werden. Die aus Honduras Zugezogenen sprechen hingegen Spanisch und meist wenig oder gar kein Englisch. Deshalb jongliert man oft mit beiden Sprachen und weiß nicht immer, womit man anfangen soll. Denn die alten Guanajaer freuen sich darüber, dass Englisch nicht vom Spanischen verdrängt wird, die Zugezogenen darüber, dass ein Gringo Spanisch spricht.

Die Freundlichkeit der Inselbewohner ist bemerkenswert, und man fühlt sich wirklich willkommen. Schon nach wenigen Tagen wird man von allen möglichen Leuten gegrüßt, wechselt ein „Hallo“ oder ein paar freundliche Worte. Alle sind höflich, offen und ehrlich erfreut, Fremde auf der Insel zu sehen. Diese Herzlichkeit unterscheidet die Inselbewohner deutlich von manchen zugezogenen Expats.
Guanaja gilt zudem als sehr sicher, obwohl es zu Honduras gehört, einem Land mit erheblichen Sicherheitsproblemen: die Großstadt San Pedro Sula auf dem Festland galt lange als gefährlichste Stadt außerhalb eines Kriegsgebiets. Auf Guanaja sprachen wir zufällig mit der ehemaligen Polizeichefin. Sie hatte nach zehn Jahren gekündigt, weil ihr der Job zu langweilig geworden war.
Einkaufen auf einer Insel ist nicht immer einfach, besonders dann, wenn – wie auf Guanaja – fast nichts lokal angebaut wird. Alles muss per Boot angeliefert werden, und dieses kommt nur einmal pro Woche, am Mittwochabend. Entsprechend sind am Donnerstag die Regale gut gefüllt, und alle Insulaner strömen auf das Cay zum Einkaufen. Eine ideale Gelegenheit, alle kennenzulernen. Schon wenige Tage später werden die Regale deutlich leerer. Man kann nur kaufen, was auf dem Schiff war, und das Angebot ist entsprechend begrenzt. War der Salat bei der Lieferung schon welk, gibt es eben eine Woche lang nur welken Salat.

Zentrum der Einkaufstour ist das Sikaffy-Kaufhaus, geführt von den drei Sikaffy-Schwestern. Daneben gibt es das Gemüselädchen, in dem alle einkaufen. Was es dort nicht gibt, ist schwer zu beschaffen. Alternativ kann man noch im sogenannten Gringo Store einkaufen, der auch Importwaren aus den USA führt. Die Erwartungen sollte man jedoch niedrig halten, auch wenn es Delikatessen wie Barilla-Pasta oder Dosentomaten gibt. Ein Blick auf das Verfallsdatum ist ratsam, denn die letzte Lieferung kann schon etwas zurückliegen.
Wer die Stromversorgung auf Guanaja kennt, kennt auch Stromausfälle. Oft dauern sie nur wenige Minuten, manchmal aber auch mehrere Stunden, wenn Leitungen, Transformatoren oder andere Teile gewartet werden müssen. Viele Haushalte sind deshalb auf Solarstrom umgestiegen. Wasserausfälle kommen ebenfalls vor, da helfen allerdings auch keine Solarpaneele.
Das Wetter ist warm und windig und regnerisch, oder warm und windig und trocken, oder auch mal warm und windstill. Das Wasser hat nahezu die gleiche Temperatur wie das Land und bietet kaum Abkühlung. Täglich ziehen hohe Gewitterwolken am Horizont vorbei, manchmal auch direkt über die Insel. Nachts wirken die Blitze wie eine Effektbeleuchtung, wenn sie die Wolken von innen erhellen – fast wie eine riesige Lavalampe. Tagsüber sieht man die Blitze meist nicht, hört aber häufig den Donner.

Wenn dabei gleichzeitig das Haus leicht bebt, war es allerdings ein Erdbeben. Obwohl wir außerhalb der Erdbebensaison (ja, hier haben Erdbeben eine Saison) auf Guanaja waren, erlebten wir drei mit einer Stärke von 4,5. Die Wettervorhersage ist generell unzuverlässig, umso wichtiger ist die Hurrikanwarnung, da jederzeit einer vorbeiziehen kann. Der letzte große Hurrikan der Kategorie 5 traf die Insel 1998 und mähte sämtliche Bäume nieder. Wald und Tourismus haben sich davon bis heute nicht vollständig erholt. Zum Glück kommen Hurrikans dieser Stärke nur etwa alle 25 Jahre vor.
Guanaja ist etwas Besonderes: eine karibische Insel ohne Tourismus – aber auch nicht für jedermann.
Reisen bildet, macht Spaß und hat vor allem viele humorvolle Seiten. Der digitalprintexpert ist auf Reisen und schreibt in lockerer Folge über Erlebnisse, Gesehenes und Gehörtes. Ein komplettes Verzeichnis aller bisher veröffentlichten Berichte findet sich hier.
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